wein.purAusgabe 04/2009

Unser Sommerwein: Gelber Muskateller

Sommer vorm Balkon, ein gutes Buch, ein Glas kühler Muskateller in Reichweite, die Eagles im Ohr: "Life’s been good to me...". Möchten Sie mir folgen? Andrea Diem hat mit meiner Frau eines sicher nicht gemeinsam: sie mag nämlich Muskateller.

Daher pflanzte sie vor acht Jahren mit ihrem Mann Gerald welchen aus, und wir können Ihnen heute diesen ausgezeichneten Vertreter aus Obermarkersdorf empfehlen (Danke, Frau Diem!). Auf die Grundlagen des Muskatelleranbaues möchte ich hier nicht näher eingehen, sondern auf unser Buch "Sauvignon Blanc, Traminer & Muskateller" aus der wein.pur-Edition Rebsortenbücher verweisen. Kurz: Muskateller liebt kalkfreie sandige oder steinige warme Lagen, Morgensonne und kühle Abende. Je primärfruchtiger die Weine, desto geringer ihre Lebenserwartung. Durch die lange Reifeperiode gilt 2008 als ausgezeichneter Muskateller-Jahrgang.

Ich will alles...

Nachdem ich vor einiger Zeit die Ehre hatte, das unterschätzte Lagerpotenzial dieser Sorte zu untersuchen (wein.pur 1/2008), ging es diesmal um das andere Ende des Spektrums. Wie soll ein Sommerwein sein? Frisch, spritzig, mit lebendiger Säure ausgestattet, leicht und belebend. Daher haben wir auch die zunehmend beliebten Schaumweine aus Muskateller ausgeschrieben. Bei den Stillweinen haben wir die Alkoholgrenze bei 12% eingezogen und auf trockene Vertreter (-9 g RZ) des Jahrganges 2008 eingeschränkt. Wenn es heiß ist, bevorzugen wir eher unkomplizierte Weine, die, gut gekühlt, Spaß vermitteln. Wobei für wein.pur Trinkspaß nicht bedeutet, dass die Weine keinen Tiefgang zeigen dürfen. Aber Sommer- oder Terrassenweine heischen nicht nach stundenlanger Beschäftigung des Weinfreundes mit dem Aufspüren neuer Nuancen im Glas.

Das führte auch dazu, dass wir einige Weine, wiewohl sie uns äußerst gut gefielen, nicht in die Wertung aufnahmen: ihre Eignung als Sommerwein schien uns weniger gegeben als die zum Meditieren und Einlagern. Ausdrücklich empfohlen seien daher hier die Muskateller von Ewald Zweytick und Schloss Seggau. Beide mineralische, hochelegante, komplexe Vertreter, die ihre Meriten aber erst mit viel Luft ausspielen. Und das, obwohl die Weine aus organisatorischen Gründen vor der Verkostung in Karaffen geleert, also ordentlich belüftet wurden! Eine Prozedur, die wohl kaum jemand, und schon gar nicht in der warmen Jahreszeit, auf sich nimmt. Hier erwartet man sich zu recht unmittelbar ansprechende Weine, die sofort "da" sind. Das soll aber niemand vom Erwerb der beiden oben genannten Weine abhalten, im Gegenteil. Es zeigte sich, dass bei dieser Rebsorte die persönliche Erwartungshaltung eine besonders große Rolle spielt.

...und das sofort!

Manfred Tements Ausspruch hat sich wieder bewahrheitet: "Physiologisch sehr reife Muskateller brauchen Zeit zur Entwicklung. Man darf da nicht ungeduldig sein und gleich das volle Muskateller-Erlebnis einfordern, das entwickelt sich eben langsamer." Auch einige andere Weine haben wir aus der Wertung gelassen, weil sie in der Verkostung nicht ansprechend waren. Unsere Gastgeberin Maria Sattler, die die Weine später am Abend nachverkostete, meinte, dass einige davon sich dann sehr schön präsentierten. Aus Gründen der Fairness müssen wir aber versuchen, jedem Wein möglichst gleiche Ausgangsbedingungen zu bieten. Wenn Ihnen, liebe Leser, daher in der Liste einige bekannte Namen abgehen: nicht schrecken lassen, sondern ruhig einlagern und mit einiger Reife genießen. Ein Diskussionspunkt, der vor allem von den mitkostenden Weinbauern sehr kritisch betrachtet wurde, war die Estrigkeit so mancher Probe. Ein gewisser Anteil an Fruchtestern, die einen Hauch Apfeligkeit oder Banane mit einbringen, kann einen Wein nämlich sehr attraktiv scheinen lassen. Dazu Armin Tement: "Ester darf man nicht als Sortentypizität verkaufen, das entsteht bei der Gärung und ist eigentlich ein Fehler. Wir wissen, dass z. B. der Sauvignon mit mehr Estern bei den meisten Konsumenten gewinnt und die Holler- und Paprika- Sauvignons schlägt." Ing. Peter Keller, der als ehemaliger Weinbauberater in der Steiermark besonders tiefen Einblick hat, meint: "Auch wenn es der Konsument gerne kauft: die Estrigkeit darf nicht überhand nehmen, denn das geht zulasten der Typizität und Klarheit."

Die Steiermark ist natürlich die Muskateller-Hochburg. Bei den besten Lagen- und Reservemuskatellern besitzt die grüne Mark beinahe Monopolstellung, bei den leichteren "klassischen" Weinen gibt es eine beachtliche Vielfalt der Herkünfte: unter den mit vier Gläsern ausgezeichneten Weinen haben wir Vertreter aus dem Weinviertel, Carnuntum und dem Burgenland. Auch ein deutscher Teilnehmer, Michael Fröhlich aus Franken, konnte mit drei Gläsern überzeugen. In der Schaumweinkategorie ist die steirische Dominanz dafür recht deutlich – da dürfte die lange Erfahrung und Pflege dieses Weinstils mitspielen.

Muskateller prickelnd

– eine elegante, fröhliche Alternative, wenn die Dosage, also die Süßreservegabe, mit Zurückhaltung erfolgt. Das Wechselspiel zwischen Frucht, Säure und Süße vermag zu begeistern und bietet gerade im Sommer eine perfekte Alternative zu Champagner, Prosecco & Co. Thomas Strohmaier, der in der Weststeiermark Spezialist für Sekt aus Schilcher und Muskateller ist, konnte dank zweier eingesandter Jahrgänge die allgemeine Tendenz, dass Sekt aus aromatischen Sorten am besten ganz jung getrunken werden soll, widerlegen. Sein 2007er gefiel uns noch besser als der 2008er, das war allerdings die berühmte Ausnahme von der Regel. Reifere Exemplare ließen oft Frucht und Eignung zur sommerlichen Erfrischung vermissen. Aber einen Tipp von Ing. Peter Keller möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: "Ein frischer Muskateller mit Soda oder schön prickelndem Mineralwasser – einen besseren Sommergespritzten gibt es gar nicht!". Ich möchte ihm uneingeschränkt beipflichten (obwohl wir wein.pur heißen): Muskateller mit Bläschen, das ist die vergnüglichste Form des Sommerweines.