Nein, die Rede ist nicht von Bordeaux. Auch die Donau hat ein rechtes Ufer, und der Abschnitt zwischen Wachau und Wagram ist ein besonders spannender. Es handelt sich genau genommen um ein Dreieck, das zwischen Mautern, Traismauer und am südlichsten Punkt Herzogenburg liegt und so gesehen Teile von gleich zwei Weinbauregionen umfasst: dem Kremstal und dem Traisental. Die Hauptrolle spielt selbstverständlich der Grüne Veltliner.
Text von Claudia Schindlmaißer
Das Kremstal, das sich grob in drei Zonen gliedern lässt, erstreckt sich nördlich entlang der Krems rund umSenftenberg und nachOsten hin zumangrenzenden Kamptal. Ein nicht unbeträchtlicher Teil liegt aber südlich der Donau, gegenüber der Weinbaustadt Krems, und einige Orte wie Hollenburg gehören politisch gesehen ebenfalls zur Stadt. Ganz im Westen begrenzt die Fladnitz, die bei Palt in die Donau mündet und die anliegenden Rieden kleinklimatisch beeinflusst, die Region. Die Böden in Donauufernähe bis hin zur Mündung der Traisen sind verfestigtes Flussmaterial, das teilweise aus Kalkgestein besteht, bis zu den Weinbauorten Krustetten und Höbenbach vorkommt und als Hollenburger Konglomerat bezeichnet wird. Weiters finden sich hier auch Löss auf Schotter und eine Reihe von tertiären Materialien. Sand,Tegel undTon überwiegen in der Gegend von Oberfucha.
Nach Hollenburg und dem weithin sichtbaren Wetterkreuz neigen sich die Weingärten nach Osten. Hier beginnt das Traisental, das sich entlang des gleichnamigen Flusses erstreckt, der wahrscheinlich sehr früh auf einem höheren Niveau verlaufen ist und für das vorhandene Geröllmaterial verantwortlich ist. Im nördlicheren Abschnitt der Traisen dominieren noch eher Lehm und Löss, um bei Inzersdorf, speziell in den höhergelegenen Rieden, immer kalkhaltiger zuwerden.
Eine der herausragenden Winzerpersönlichkeiten ist hier Ludwig Neumayer aus Inzersdorf. Er sieht sich als Winzer und nicht alsWinemaker. Genau dieser kunsthandwerkliche Zugang ist für ihn prägend, denn er bringt puristische Weißweine, die auch nach Jahren noch spannend sind und vor allem Freude bereiten. Es ist aber auch die besondere Stilistik seiner Weine: Klarheit, Kraft und Langlebigkeit sind wohl die treffendsten Eigenschaften. Darüber hinaus sind dieWeine aus demHause Neumayer aber auch vielschichtig, präzise, mineralisch und kraftvoll vibrierend. Das hat seine Gründe einerseits im bereits erwähnten Kalkterroir und andererseits in seiner konsequent traubennahen Vinifizierung. ImTraisental war und ist er damit wohl noch immer stilbildend. Große Weine können natürlich auch auf Urgestein, auf Löss oder Schiefer gedeihen. Eines sollte dabei aber nicht vergessen werden: Was auf der Flasche steht, sollte auch drin sein! Mit einem Augenzwinkern sagt er über sich selbst: »Ich bin Weißweinwinzer aus Leidenschaft. MeinHandwerk ist ein Spielmit derNatur.«
Dieses Spiel wollen inzwischen auch andere spielen. Einer, dem das gelingt, ist MarkusHuber aus Reichersdorf. Nicht nur einmal hat er seine Mitbewerber in Vergleichsproben auf die Plätze verwiesen, und das in kürzesterZeit. Er gilt als einer der aufstrebendsten Winzer des Landes und ist neben Ludwig Neumayer auch international ein würdiger Repräsentant seiner Region. Unglaubliche zwei Drittel seiner Weine werden im Ausland getrunken. 2008 war für ihn ein sehr spannendes und intensives Jahr, in welchem das Beobachten der Natur und des Vegetationsverlaufes entscheidend war, um gesunde, gut ausgereifte Trauben zu ernten, die die Basis für die Kelterung qualitativ hochwertiger Weine sind. Seine leichteren Weine sind sehr fruchtbetont, am Gaumen saftig und bereiten großes Trinkvergnügen. Die spät geernteten Lagenweine, bei denen es – bedingt durch bis zu fünfmaliges Selektieren in den Weingärten – kleinereMengen gibt, zeichnen sich durch hohe Konzentration und eine Mineralik aus, die durch die kalkreichen Böden geprägt ist.
Wieder zurück im Kremstal, findet man in Hollenburg das Weingut von Meinhard Forstreiter. Nachweislich wurde hier schon zu Zeiten des heiligen Severin um 400 n.Chr. Weinbau betrieben. Ganz so alt sindMeinhard ForstreitersWeinstöcke nicht, aber er besitzt den wahrscheinlich ältestenWeingarten Österreichs, denn der Grüne Veltliner in der Ried Tabor hat die Reblausplage überlebt, die Ende des 19. Jahrhunderts in Europa gewütet hat. Die überwiegende Zahl seiner Reben wächst in südlich bis östlich ausgerichteten Terrassenweingärten auf den Hollenburger Konglomeratböden mit verschieden starker Lössauflage. In Verbindung mit dem besonderen Mikroklima bringt dieses Terroir besonders fruchtige und würzig-pfeffrige Bergweine hervor. In Sachen Vinifikation arbeitet Forstreiter auf demaktuellen Stand der Kellertechnik. Das Ergebnis sind fast ausschließlich trockene, fruchtige, elegante und sortentypische Weine. Das Jahr 2008 hat nach anfänglichen Schwierigkeiten im Juni und einem eher feuchten, verregneten Sommer dann doch noch eine glückliche Wendung mit einem goldenen Herbst genommen. Durch die etwas spätere Ernte wurde aber eine besonders gute Aromareife erzielt. Meinhard Forstreiters Weine sind dadurch besonders duftig und trinkanimierend geworden, und seine Reserveweine strotzen vor Kraft.
Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich Krustetten, wo die Brüder Leopold und Stefan Müller ein 45 Hektar großes Weingut bewirtschaften. Auf immerhin 28 Hektar davon haben die Rebschulbesitzer GrünenVeltliner aus eigener Selektion in den Lagen Gottschelle, Kremser Kogl und Süßenberg gepflanzt. Ökologische Weingartenbewirtschaftung ist für die beiden obligat, und auch bei der Vinifikation arbeiten sie rücksichtsvoll. DieTrauben werden im neuen Keller qualitätsschonend im freien Fall über drei Etagen verarbeitet. Die Gärung erfolgt in Edelstahltanks und temperaturgesteuert. Besonderen Wert legen sie auf Sortentypizität und Lagencharakter ihrer Weine.
Der Panoramaverkostungsraum in der obersten Etage der neuen Kellerei auf 350 Meter Seehöhe bietet einen wunderbaren Ausblick auf das Kremstal und die Donau. Stolz sind die Brüder Müller auf die Erfolge ihrer Weine. Im Jahr 2009 errangen die Wein eGrüner Veltliner Gottschelle Kremstal dac Reserve 2008 und Süßenberg Reserve 2008 sowie der Riesling Leiten Kremstal dac Reserve 2008 einen Platz im Salon österreichischer Wein 2009. Der Heurige, bei dem man alle Weine auch glasweise verkosten kann, hat viermal jährlich geöffnet.
Im Nachbarort Höbenbach liegt ein Besuch des Winzerhofs Dockner nahe. Sepp Dockner, der Seniorchef, und seine Frau Gudrun sind nicht nur besonders stolz auf ihre Herkunft, sondern auch auf ihren Sohn und Betriebsnachfolger Josef, der nun schon seit einigen Jahren gemeinsam mit seinem Vater dasWinzerhandwerk rund um den Göttweiger Berg betreibt. Von Mautern bis Hollenburg findet man die Dockner’schen Weingärten. Die Weine des Hauses spiegeln die Vielfalt der Böden wider. Die lehmigen Lössterrassen in der Ried Frauengrund bringen eher fruchtbetonte, elegante Grüne Veltliner hervor, wohingegen aus der Lage Oberfeld, einem Urgesteinsboden mit Lössauflage, typische Veltliner mit Würze und Pfeffer entstehen. Der sehr steinige Boden am Lusthausberg mit Hollenburger Konglomerat ist wiederum perfekt für hochreife, kräftigeVeltliner mit Potenzial und toller Mineralik. Auch beim Riesling hat Familie Dockner zwei Paradelagen zu bieten: zum einen den Rosengarten, eine reine Südlage, die sich perfekt für primärfruchtige Rieslinge eignet und wo von leicht bis gehaltvoll, je nach Weingartenbearbeitung, alles möglich ist; zum anderen die Lage Gottschelle mit vorwiegend Lössboden und etwas Urgestein im Untergrund, der für die Mineralik im Wein sorgt. O-Ton SeppDockner: »Die beste Lage für unseren besten Riesling, ›Privatfüllung Sepp‹«.
Von Höbenbach ist es ein Katzensprung zum weithin alles überragenden Stift Göttweig, das am höchsten Punkt des Göttweiger Berges thront. Erst vor drei Jahren investierte eine > Pächtergruppe in dieses etwas stiefmütterlich behandelte Gut. Mit Fritz Miesbauer konnte man einen arrivierten Önologen und Fachmann für Weinmarketing gewinnen, der dieses Juwel zum Glänzen brachte. Er zeigt, dass eine tausendjährige Geschichte nicht verstaubt oder langweilig präsentiert werden muss und barocke Lebensfreude auch in unserer schnelllebigen Zeit große Erfolgschancen hat. Ausschließlich die beiden Traditionssorten Grüner Veltliner und Riesling werden hier zu »himmlischen«Weinen verarbeitet. Die Böden, die sich vom Stift zur Donau hin neigen, sind vielfältig, und so hat man in der sehr langen Zeit, in der hier Weinbau gepflegt wird, auch die richtigen Kombinationen von Sorten und Standorten herausgefunden und kann heute mit einem entsprechenden Angebot aufwarten. Aus den klassisch guten Lagen des als Weltkulturerbe klassifizierten Barockstiftes zaubert Fritz Miesbauer bemerkenswerte Weine. »Göttweiger Weine sollen für die schönsten und klassischsten Tugenden des österreichischen Weißweines stehen. Blitzsaubere kühle Frucht, viel Frische und feingliedrige Struktur am Gaumen«, so FritzMiesbauer.
Unterhalb des Stifts liegt Oberfucha, wo Ilse Maier den Geyerhof seit 1985 nach organisch-biologischen Prinzipien führt. Sie beschreibt den Jahrgang 2008 als einen der interessantesten der letzten Jahre, nicht zuletzt deswegen, weil er vom Anfang bis zum Ende eine Herausforderung war. »DieGrünen Veltliner und Rieslinge sind wieder einmal typisch österreichisch: fruchtig, säurebetont, nicht zu schwer, aber doch konzentriert«, freut sich die ausgesprochen sympathische Winzerin.
Und sie hat gutenGrund dazu, denn ihr Kremstal dac Hoher Rain 2008 belegte den ersten Platz beim »Falstaff Kremstal dac Cup«. Sie ist sich sicher, dass sich die Weine aus dem Jahrgang 2008 auch prächtig entwickeln werden. DerAnteil an Grünem Veltliner liegt derzeit bei 60 Prozent, weitere 20 Prozent ihrer Toplagen wie Johannisberg, Goldberg und Sprinzenberg sind mit Riesling bepflanzt. Heuer konnte in der Riede Goldberg in Hollenburg, einer der landschaftlich schönsten und auch besten Lagen der Region, noch ein Weingarten dazugekauft werden. Ausgepflanzt wird aber erst nächstes Jahr. Nach einem Jahr Ruhepause mit Begrünung wird sich der Boden erholt haben und für den Riesling bereit sein, der dann zum bestehenden Goldberg hinzukommen wird.
Gerade einen Steinwurf entfernt, in Palt, liegen am Ende der Reise durch das goldene Dreieck im Süden von Krems noch zwei Weingüter, die ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen. Das Traditionsweingut Malat bringt es mit nur einem Ausdruck auf den Punkt: Perfektion als Leitmotiv – und das seit vielen Generationen. Gerald Malat, der heutige Seniorchef, der mit vielen Auszeichnungen dekoriert wurde, ist innovativer Vorreiter betreffend Sorten und Kellertechnik. Er hat aber dabei nie die Traditionsreben der Region aus den Augen verloren und trotz seiner Liebe zum Rotwein auch immer versucht, »Das Beste« aus Riesling und Veltliner herauszuholen.
Neben dem umfangreichen Sortiment, in dem er alle Register zieht, um jeder Einzellage gerecht zu werden, sind es Weine mit genau dieser Bezeichnung, »Das Beste«, die an der Spitze der Weinpalette stehen. In seinem Sohn Michael Malat, der nach Lehrjahren rund um den Globus nun die Geschicke des Weinguts übernommen hat, findet Gerald Malat einen ebenbürtigen Nachfolger.
Seit 2001 leitet Josef Edlinger dasWeingut, das er von seinen Eltern übernommen hat. Seither wurde die Rebfläche kontinuierlich von fünf auf 15 Hektar ausgebaut. Immer wieder konnte sich der talentierte Kellermeister mit seinen Hauptsorten Grüner Veltliner und Riesling in Szene setzen.
Ideale Veltlinerlagen auf Löss und Lehm und Rieslingstöcke, die auf Schotter und Urgestein stehen, sind sein Kapital. Die kontinuierliche Qualitätssteigerung wurde schon mehrfach mit diversen Auszeichnungen belohnt, zuletzt mit dem zweiten Platz beim »Kremstal dac Cup« für seinen Riesling, und das trotz des schwierigen Jahrgangs 2008. Als besondere Auszeichnung gilt für Josef Edlinger auch der Österreichsieg 2009 im »Salon«. Spitzenweine wie der Grüne Veltliner mit der Bezeichnung »Optimas« oder stoffige Rieslinge wie zum Beispiel jener aus der Toplage Silberbühel genießt man am besten direkt vor Ort, wo Josef Edlingers Gattin Gabriele auch empfehlenswerte Gästezimmer anbietet.